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Versuchstierzahlen in Deutschland

Ein oft missverstandener Aspekt in der öffentlichen Diskussion über Tierversuche in der Forschung sind die offiziellen Versuchstierzahlen des Bundeslandwirtschaftsministeriums (BMEL). Sämtliche Versuche, für die in Deutschland Wirbeltiere eingesetzt werden, müssen genehmigt und die Zahl der Tiere muss der zuständigen Landesbehörde gemeldet werden. Einmal im Jahr veröffentlicht das Ministerium die Gesamtzahlen. Die jüngsten stammen aus dem Jahr 2017 und wurden am 20. Dezember 2018 veröffentlicht.

In den vergangenen Jahren haben sich Medien und Tierversuchskritiker in der Regel darauf beschränkt, auf die als hoch empfundene Gesamtzahl hinzuweisen. Allerdings erfasst das Ministerium Eingriffe von sehr unterschiedlicher Art und erst ein Blick aufs Detail ermöglicht es, die Versuchstierzahlen für Deutschland wirklich zu verstehen. Außerdem hilft der Vergleich der Versuchstierzahlen mit anderen Bereichen der Tiernutzung in Deutschland (zum Beispiel Lebensmittelproduktion), um zu verstehen, in welchem Verhältnis Tierversuche zur Gesamtheit dieser Tiernutzung stehen. Im Folgenden finden Sie Antworten auf diese Fragen:

Versuchstierzahlen - kein permanenter Anstieg

Altweltaffen wie diese Rhesusmakaken (Macaca mulatta) werden am DPZ unter anderem für die HIV-Forschung und die Neurowissenschaften eingesetzt. Foto: Karin Tilch
Altweltaffen wie diese Rhesusmakaken (Macaca mulatta) werden am DPZ unter anderem für die HIV-Forschung und die Neurowissenschaften eingesetzt. Foto: Karin Tilch

Sämtliche Versuche, für die in Deutschland Wirbeltiere eingesetzt werden, müssen genehmigt und die Zahl der Tiere muss der zuständigen Landesbehörde gemeldet werden. Diese Zahl macht allerdings nur einen Teil der jährlich in Deutschland als "Versuchstierzahlen" bezeichneten Tiermeldungen aus. Zu Tierversuchen im wissenschaftlichen Sinne kommen Eingriffe hinzu, die zur Herstellung von Produkten, Stoffen oder Organismen vorgenommen werden, zu Ausbildungszwecken oder die Entnahme von Gewebe oder Organen zur Verwendung in Alternativmethoden.

Eine Statistik über die Jahre 2009 bis 2017 zeigt, dass die Zahlen der in Deutschland eingesetzten Versuchstiere nur geringen Schwankungen unterliegen (Abbildung 1). In den vergangenen neun Jahren wurden so jährlich zwischen 2,7 bis 3 Millionen Tiere eingesetzt. Im Jahr 2017 wurden 2.807.297 Tiere für wissenschaftliche Zwecke verwendet. Damit sank die Zahl im Vergleich zum Vorjahr um 1,7 Prozent. In diese Zählung eingeschlossen sind 2.068.813 Tiere, die in Tierversuchen verwendet wurden, und 738.484 Tiere, die ohne Versuchseingriffe für wissenschaftliche Zwecke getötet wurden, also zum Beispiel zur Gewinnung von Zellen für Zellkulturen genutzt wurden. Der Anteil aller Tierversuche, die der Grundlagenforschung zugerechnet werden, betrug 2017 1.039.225 (50%). Mäuse, Ratten und Fische sind mit einem Anteil von rund 92 Prozent weiterhin die mit Abstand am häufigsten eingesetzten Versuchstiere. Mit einer Gesamtzahl von 3.513 Tieren ist die Verwendung nicht-humaner Primaten 2017 im Vergleich zum Vorjahr (2.462) zwar gestiegen, aber diese Schwankung liegt in der Bandbreite der Abweichungen in der Vergangenheit. Dies kommt zustande durch den Einsatz von Primaten für gesetzlich vorgeschriebene Sicherheitsprüfungen von potentiellen Medikamenten und anderen Substanzen. Weiter rückläufig ist Anzahl von Hunden und Katzen sowie der Vögel, während die Zahl der Fische, Kaninchen und Nutztiere nahezu konstant geblieben ist (Abbildung 2).

Abbildung 1: Vergleich der Versuchstierzahlen von 2009 bis 2017 insgesamt. Quelle: Versuchstierzahlen 2009-2017, BMEL. Grafik: Deutsches Primatenzentrum / Sylvia Ranneberg
Abbildung 1: Vergleich der Versuchstierzahlen von 2009 bis 2017 insgesamt. Quelle: Versuchstierzahlen 2009-2017, BMEL. Grafik: Deutsches Primatenzentrum / Sylvia Ranneberg

Aufgrund der Anpassung des deutschen Tierschutzgesetzes an die EU-Direktive zum Schutz der für wissenschaftliche Zwecke verwendeten Tiere hat sich die Zählweise der Versuchstiere 2014 verändert. So wurden bis einschließlich 2013 diejenigen Tiere erfasst, mit denen ein Versuch begonnen wurde, während die Tiere seit 2014 erst dann gemeldet werden, wenn der Versuch abgeschlossen ist. Dies führt dazu, dass einige Tiere in der Übergangszeit doppelt und sogar dreifach gezählt werden. Auch hat sich die Zählung der sogenannten transgenen Tiere geändert. So werden Zuchttiere nun teilweise mitgezählt. Das schlägt sich in einer höheren Versuchstierzahl nieder, ohne dass wirklich mehr Tiere zu Tierversuchen herangezogen wurden. Ein weiterer Unterschied betrifft die nicht-invasiven Untersuchungen, also zum Beispiel Verhaltensstudien. Diese werden nun in einigen Bundesländern mitgezählt, in anderen nicht.

Unter allen gezählten Versuchen sind auch solche, die sehr wenig belastend sind: Muss beispielsweise einem Rhesusaffen am DPZ Blut abgenommen werden, ist das meldepflichtig. Dabei sind die Tiere schmerzbetäubt und nehmen keinen dauerhaften Schaden.

Abbildung 2: Anteil der unterschiedlichen Tiergruppen an den Versuchstieren im Jahr 2017. Grafik: Tierversuche verstehen
Abbildung 2: Anteil der unterschiedlichen Tiergruppen an den Versuchstieren im Jahr 2017. Grafik: Tierversuche verstehen

Der moderate Rückgang der Versuchstierzahlen bei einer weiterhin wachsenden biomedizinischen Forschung lässt erkennen, dass die biomedizinische Forschung immer sparsamer mit Versuchstieren umgeht. Sie leistet ihren Beitrag zu einem stetig wachsenden Forschungsfeld mit einem sinkenden Anteil an Versuchstieren. So steigen etwa allein die Ausgaben des Bundes für die Gesundheitsforschung seit dem Jahr 2010 jedes Jahr um durchschnittlich rund 6 Prozent, auf zuletzt 2,42 Mrd. Euro im Jahr 2017 (Bundesbericht Forschung und Innovation 2018).

Ein Grund dafür ist das international anerkannte 3R-Prinzip zur Reduktion der Versuche auf ein notwendiges Minimum. Dieser ethische Grundsatz wird in der Wissenschaft täglich gelebt, was sich auch in den stabilen Versuchstierzahlen bei wachsendem Forschungsumfang niederschlägt (Abbildung 3).

Abbildung 3: Vergleich der Versuchstierzahlen und die Ausgaben des Bundes für Gesundheitsforschung von 2009 bis 2017. Grafik: Tierversuche verstehen
Abbildung 3: Vergleich der Versuchstierzahlen und die Ausgaben des Bundes für Gesundheitsforschung von 2009 bis 2017. Grafik: Tierversuche verstehen

Nicht-menschliche Primaten - nur ein Tausendstel aller Versuchstiere

Nicht-menschliche Primaten stellen rund ein Tausendstel aller Versuchstiere in Deutschland (im Jahr 2017 waren es insgesamt 3.513). Sie werden nur in Versuchen von großer wissenschaftlicher Bedeutung eingesetzt und wenn es weder eine Alternativmethode noch die Möglichkeit gibt, den Versuch mit einer geringer entwickelten Tierart durchzuführen.

Nicht-menschliche Primaten werden wie andere Versuchstiere auch eingesetzt, um schwere Krankheiten zu erforschen, für die medizinische Produktentwicklung oder um die Sicherheit von Medikamenten, Inhaltsstoffen oder medizinischen Produkten zu testen.

Auf biologische Grundlagenforschung, wie sie die Wissenschaftler am Deutschen Primatenzentrum betreiben, entfielen 2017 davon nur 6,1 Prozent (213 Versuche, siehe Abbildung 4). 81 Prozent dieser in Deutschland verwendeten nicht-menschlichen Primaten (2.811) hingegen kamen zum Einsatz, weil der Gesetzgeber es zwingend vorschreibt: Sie dienen der Giftigkeits- oder anderen Sicherheitsprüfung von Produkten, die Menschen verwenden. Solche Tests sind nicht Teil der Forschung des Deutschen Primatenzentrums.

Abbildung 4: Tierversuche mit nicht-menschlichen Primaten aufgeteilt nach Zwecken. Quelle: Tierversuchszahlen 2017, BMEL. Grafik: Deutsches Primatenzentrum, Sylvia Ranneberg
Abbildung 4: Tierversuche mit nicht-menschlichen Primaten aufgeteilt nach Zwecken. Quelle: Tierversuchszahlen 2017, BMEL. Grafik: Deutsches Primatenzentrum, Sylvia Ranneberg

Versuchstierzahlen am DPZ

Das Foto zeigt einen Weißbüschelaffen
Neuweltaffen wie dieser Weißbüschelaffe (Callithrix jacchus) werden am DPZ unter anderem für die Stammzellforschung und die Infektionsforschung gezüchtet. Foto: Anton Säckl

Die Zahlen der nicht-menschlichen Primaten (sowohl Altwelt- als auch Neuweltaffen), die am Deutschen Primatenzentrum pro Jahr für die biologische Grundlagenforschung eingesetzt werden, variieren und sind abhängig von den jeweiligen Projekten und wissenschaftlichen Fragestellungen. In der Regel bewegten sich die Zahlen in den vergangenen Jahren in der Größenordnung um 100 bis 250 Tiere. Zum Stichtag 31.12.2018 waren am DPZ 144 Affen in Versuchsprojekten. Sehr unterschiedliche Forschungsprojekte, die sich aus dem breitem Themenspektrum des Instituts ergeben, machen diese notwendig. Es handelte sich dabei zuletzt zum Beispiel um Projekte aus der Infektionsforschung (zum Beispiel HIV-Impfstoffe) als auch aus der Neurowissenschaft (Entwicklung von Neuroprothesen).

Versuchstierzahlen verglichen mit Zahlen anderer Tiernutzung

Stellt man den etwa 2,8 Millionen wissenschaftlichen Eingriffen an Wirbeltieren die jährliche Fleischproduktion in Deutschland, die bei der Jagd getöteten Tiere gegenüber (siehe Abbildung 5), so relativieren sich die Zahlen schnell.

Abbildung 5: Tiernutzung in verschiedenen Bereichen in Deutschland 2017. Quellen: BMEL, Deutscher Jagdverband, Eurostat, Statistisches Bundesamt. Abbildung: Deutsches Primatenzentrum / Sylvia Ranneberg
Abbildung 5: Tiernutzung in verschiedenen Bereichen in Deutschland 2017. Quellen: BMEL, Deutscher Jagdverband, Eurostat, Statistisches Bundesamt. Abbildung: Deutsches Primatenzentrum / Sylvia Ranneberg

Laut Statistischem Bundesamt (Destatis) wurden im Jahr 2017 in Deutschland mehr als 58 Millionen Schweine, Rinder, Schafe etc. und fast 700 Millionen Geflügeltiere geschlachtet. Im Laufe eines Lebens isst jeder Deutschen im Durchschnitt mehr als 700 Hühnchen, es werden für ihn aber nur zwei Mäuse für biomedizinische Forschung verwendet. Rein statistisch würden bei stabilen Versuchszahlen für jeden Deutschen im Laufe seines Lebens übrigens 0,0017 nicht-menschliche Primaten in Versuchen eingesetzt.

Sogar im alltäglichen Straßenverkehr tötet jeder Deutsche statistisch betrachtet deutlich mehr Tiere, als nicht-humane Primaten für die tierexperimentelle Forschung eingesetzt werden: Allein die offiziellen Wildunfälle mit Wildschweinen, Rehen oder Hirschen, die der Deutsche Jagdverband zusammengetragen hat, belaufen sich für die Saison 2016/2017 auf über 228.000 Tiere - die geschätzte Dunkelziffer liegt mit 1 Million Tiere aber viel höher. Schließlich melden längst nicht alle Unfallfahrer einen Tierunfall. Unfälle mit so kleinen Tieren wie Kaninchen, Nagetieren und Vögeln werden außerdem nicht einmal geschätzt.


Quellen der Zahlen:

Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMEL)

Statistisches Bundesamt (Destatis)

Deutscher Jagdverband (ehemals Jagdschutzverband)

Statistisches Amt der Europäischen Union (Eurostat)

Das Foto zeigt ein Logo

Aktuelle Informationen zum Thema Versuchstierzahlen des Max-Delbrück-Zentrums für molekulare Medizin in Berlin.

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