Um diese und weitere Fragen ging es am Montagabend im Gespräch mit Peter Kappeler zu seinem neuen Buch „Geschlecht im Wandel – Eine interdisziplinäre Reise durch Biologie, Kultur und Diskriminierung”. Das Gespräch führte Stefanie Heiduck, Leiterin der DPZ-Bibliothek und Gleichstellungsbeauftragte am DPZ.
Geschlecht und Geschlechtsidentität gehören zu den gesellschaftlich kontroversesten Themen unserer Zeit. Dabei wird häufig mit der „Natur des Menschen” oder dem „biologischen Geschlecht” argumentiert. Was sagt die Biologie dazu?
Peter Kappeler ist Leiter der Abteilung Verhaltensökologie und Soziobiologie des DPZ. Er forscht seit drei Jahrzehnten zu den Geschlechterbeziehungen der Lemuren Madagaskars, und hat sich zudem intensiv mit der Bedeutung des Geschlechts in menschlichen Kulturen befasst. Mit seinem Buch möchte er Klarheit in dieses komplexe und oft emotional aufgeladene Thema bringen und die Brücke von Biologie zu Kultur schlagen.
Denn biologisch ist es eigentlich ganz einfach, erklärt Peter Kappeler: „In sich sexuell fortpflanzenden Arten gibt es zwei Geschlechter. Die Männchen haben kleine Samenzellen, die Weibchen haben große Eizellen.” Genitalien, Chromosomen und Hormone werden in der gesellschaftlichen Debatte oft herangezogen, um biologisches Geschlecht zu definieren oder Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu begründen. Für diese Einteilung sind sie jedoch nicht ausschlaggebend, ebenso wie die persönlich empfundene Geschlechtsidentität. Diese Faktoren stimmen beim Menschen zumeist mit der Geschlechtseinteilung nach Samen- bzw. Eizelle überein – und manchmal eben nicht.
Was ist mit biologischen Unterschieden und Dominanz?
Biologisch betrachtet hängen diese Fragen zusammen. Ob ein Geschlecht das andere dominiert, hängt auch von den körperlichen Gegebenheiten ab. Zur Erklärung verweist Peter Kappeler auf unsere Verwandten im Tierreich.
Gorillamännchen sind im Schnitt doppelt so schwer wie die Weibchen. Die Weibchen sind schlicht körperlich unterlegen und das Sozialsystem ist stark hierarchisch-männlich dominiert. Andere eng verwandte Primaten hingegen leben in weiblich dominierten oder egalitären Gemeinschaften. Dies tritt vor allem auf, wenn es wenig körperliche Unterschiede gibt oder die Weibchen Strategien anwenden, die ihre körperliche Unterlegenheit ausgleichen, erklärt der Verhaltensforscher. Wo ein Geschlecht dauerhaft körperlich überlegen ist, spiegelt sich das also häufig auch im Sozialsystem wider.
Und wie sieht es beim Menschen aus?
Abseits von Chromosomen und Keimzellen sind die Geschlechtsunterschiede beim Menschen vergleichsweise schwach ausgeprägt und begründen keine männliche Dominanz. Unterschiede zwischen Mann und Frau sind viel stärker kulturell als biologisch bedingt. Und auch wenn sich teilweise Unterschiede zwischen den Geschlechtern beobachten lassen, betont Professor Kappeler, die Geschlechter seien vielleicht nicht gleich, aber gleichwertig. Die Diskriminierung der Frauen sei ein rein kulturelles und relativ junges Phänomen der Menschheitsgeschichte, das sich nicht biologisch begründen lässt.
„Unterschiede zwischen Mann und Frau sind viel stärker kulturell als biologisch bedingt. Die Geschlechter sind nicht gleich, aber gleichwertig.“
Apropos Patriarchat – wie kam das eigentlich?
Klar ist, dass der Beginn der Landwirtschaft die Konzentration von Ressourcen und Macht beim Menschen gefördert hat.
Grundsätzlich sind Dominanzbestreben der Männer und Männchen getrieben von der Angst, ihre Ressourcen für die Aufzucht der Kinder eines anderen Mannes aufzubringen, den sogenannten Kuckuckskindern. Die Frauen haben dieses Problem nicht – sie müssen sich nicht fragen, ob es wirklich ihr Kind ist.
Beim Menschen kommt hinzu, dass die Frauen – anders als beispielsweise die Bärenpavian-Weibchen – nicht anzeigen, wann sie empfängnisbereit sind. In der männlichen Evolutionslogik muss der Mann die Frauen daher durchgängig kontrollieren, um die gefürchteten Kuckuckskinder ausschließen zu können.
Wer das Thema vertiefen möchte, dem sei das Buch von Peter Kappeler empfohlen. „Geschlecht im Wandel – Eine interdisziplinäre Reise durch Biologie, Kultur und Diskriminierung” erschien 2025 im Springer Verlag.