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Prof. Dr. Uwe Jürgens (1942–2026)

Ein Nachruf auf einen großen Neurobiologen, unabhängigen Geist und stilprägenden Kollegen am Deutschen Primatenzentrum

Am 3. März 2026 ist Prof. Dr. Uwe Jürgens im Alter von 84 Jahren verstorben. Uwe Jürgens hat die Erforschung der neuronalen Grundlagen vokaler Kommunikation bei Primaten über Jahrzehnte hinweg entscheidend geprägt. Er war von 1991 bis 2007 Leiter der Abteilung Neurobiologie am Deutschen Primatenzentrum.

Uwe Jürgens studierte und promovierte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann er 1969 am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München, wo er bis 1991 tätig war und zusammen mit Detlev Ploog die Grundlagen für seine weiteren Arbeiten zur Lautproduktion bei Primaten legte. 1991 folgte er dem Ruf auf eine Professur für Zoologie an der Georg-August-Universität Göttingen und übernahm zugleich die Leitung der Abteilung Neurobiologie, die er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2007 führte. 

Im Zentrum seines wissenschaftlichen Lebenswerks stand die Frage, wie Lautäußerungen im Gehirn erzeugt werden: Welche neuronalen Schaltkreise lösen Rufe aus, welche formen sie, und worin unterscheiden sich die Voraussetzungen nichtmenschlicher Primaten von denen des Menschen? Vor allem an Totenkopfaffen (Saimiri sciureus) entwickelte Uwe Jürgens mit außerordentlicher experimenteller Präzision und konsequent systematischer Herangehensweise ein Forschungsprogramm, das weltweit Maßstäbe setzte. Seine Arbeiten verbanden Neuroanatomie, Elektrophysiologie, Stimulationsexperimente und Verhaltensanalysen. Seine Studien zur zerebralen Repräsentation der Lautproduktion gelten bis heute als klassische Beiträge der Primaten-Neurobiologie. Seine bahnbrechenden Erkenntnisse sind aus der Vokalisationsforschung nicht wegzudenken. Sie prägen unser Verständnis der neuronalen Kontrolle von Lautäußerungen bis heute und bilden eine tragende Grundlage moderner Forschung zur neuronalen Kontrolle von Lautäußerungen – nicht nur bei Primaten, sondern bei Wirbeltieren insgesamt. Unter anderem konnte er zeigen, dass auditorische Erfahrung keine Bedingung für die Entwicklung eines normalen Lautrepertoires ist, anders als bei der Entwicklung der menschlichen gesprochenen Sprache.

Besonders eng mit seinem Namen verbunden ist das Jürgens-Modell, das bis heute zu den wichtigsten konzeptuellen Beiträgen zur Evolution der menschlichen Sprache zählt. Aufbauend auf den frühen neuroanatomischen Arbeiten von H. G. J. M. Kuypers haben die detaillierten und umfangreichen neuroanatomischen und neurophysiologischen Studien, die Uwe Jürgens über mehrere Jahrzehnte hinweg durchgeführt hat, gezeigt, dass nichtmenschliche Primaten zwar über hochentwickelte Systeme zur Erzeugung artspezifischer, emotional eingebetteter Lautäußerungen verfügen, dass ihnen aber die beim Menschen besonders ausgeprägte direkte kortikale Kontrolle der laryngealen Muskulatur fehlt. Genau diese direkte Ansteuerung wird als entscheidende Voraussetzung für fein abgestimmte, willentliche und gelernte Lautmuster diskutiert – und damit für jene Form vokaler Flexibilität, auf der menschliche Sprache beruht. Das Modell verband vergleichende Neuroanatomie, Primatenforschung und Sprachursprungsforschung in seltener Klarheit und hat die Diskussion über die neuronalen Voraussetzungen von Sprache nachhaltig geprägt.

Auch zum Verständnis, wie unterschiedlichste Formen von Lautäußerungen bei nichtmenschlichen Primaten überhaupt erzeugt werden, hat er mit seinen Arbeiten einen wegweisenden Beitrag geleistet. Durch die Kombination systematisch durchgeführter Stimulationsexperimente mit elektrophysiologischen Untersuchungen konnte er zeigen, dass ein kleiner Bereich im Stammhirn für die Erzeugung der Rufe verantwortlich ist. Dieser Bereich ist in der Lage, das Muster der Lautäußerungen zu generieren und die an der Vokalisation beteiligten Muskeln präzise anzusteuern. Seine Erkenntnisse sind mittlerweile fest etabliert, wurden von Forschenden weltweit bestätigt und auch bei anderen Säugetierarten nachgewiesen.

Ein älterer Mann mit Brille, weißem Haar und Bart blickt direkt in die Kamera. Im Hintergrund ist ein Gemälde mit zwei Affen zu sehen. DPZ Archiv

„Uwe Jürgens hat die Erforschung der neuronalen Grundlagen vokaler Kommunikation bei Primaten über Jahrzehnte hinweg entscheidend geprägt.“

Wer Uwe Jürgens kannte, erinnert sich jedoch nicht nur an den strengen und kompromisslosen Wissenschaftler, sondern auch an seine ganz eigene Form des feinen, trockenen Humors. Unvergessen bleibt sein Auftritt im „Mausfilm“ über die Kostenleistungsrechnung am DPZ, der im Rahmen einer Weihnachtsfeier gezeigt wurde. Analytische Schärfe und subtile Komik gehörten bei ihm zusammen. Wissenschaftlichen Moden stand er mit wohltuender Distanz gegenüber. Er orientierte sich nie an intellektuellen Konjunkturen, sondern an der Frage, was sich experimentell belastbar zeigen ließ. Legendär waren auch seine Vorträge. Uwe Jürgens trat mitunter mit nur einer einzigen Abbildung auf – und erklärte an ihr alles, was es zu erklären gab. Das war keine Attitüde, sondern Ausdruck eines wissenschaftlichen Ideals: Reduktion auf das Wesentliche, begriffliche Präzision und das Vertrauen darauf, dass gute Daten keiner dekorativen Verpackung bedürfen. 

Zu seiner unverwechselbaren Erscheinung gehörte dabei nicht nur diese wissenschaftliche Unabhängigkeit, sondern auch sein Stil im wörtlichen Sinne: Uwe Jürgens war stets ausgesprochen elegant gekleidet. Prägnant war auch seine Liebe zur Oper – eine Leidenschaft, die er wohl von seinem Vater geerbt hat, der als Professor für Bühnenbild an der Akademie der Bildenden Künste in München tätig war. Von dieser Liebe zur Musik sprach er mit derselben tiefen Leidenschaft, Ernsthaftigkeit und Überzeugung, mit der er auch seiner wissenschaftlichen Arbeit nachging. Auch hier stand er fest in einer klassischen, von Stil und Eleganz geprägten Tradition: Besonders die großen, feudal inszenierte Opern und Ballettinszenierungen hatten es ihm angetan, denen er sich mit geschlossenen Augen hingab und jede Note, jede Nuance in sich aufnahm, als wäre es die letzte. Moderne Neuinterpretationen, die ihm mitunter zu abstrakt und schmucklos erschienen, trafen hingegen weniger seinen Geschmack. Diese Leidenschaft war wohl auch ein Grund, der ihn nach seiner Emeritierung zu den großen Opernhäusern in aller Welt reisen ließ.

Mit Uwe Jürgens verlieren wir einen Forscher, der ein Feld nicht nur mitgestaltet, sondern in wesentlichen Teilen mitbegründet hat. Seine Arbeiten zur Neurobiologie der Lautproduktion wirken in der Primatenforschung, in der Kommunikationsforschung und in der Diskussion um die evolutionären Grundlagen der Sprache bis heute fort. Dabei reicht der Einfluss seiner Studien weit über die Grundlagenforschung hinaus in das medizinische Fachgebiet der neurologischen Stimm- und Sprechstörungen und hat hier den Grundstein für die Entwicklung und Erprobung neuartiger Therapien gelegt. Sein Vermächtnis wird fortbestehen – in den Ideen, die seine Arbeit hervorgebracht hat, und in den Forschenden, die sie ständig weiterentwickeln. Er betreute zahlreiche Nachwuchswissenschaftler und Nachwuchswissenschaftlerinnen, die durch seine Arbeit tief geprägt wurden und den Staffelstab der neurobiologischen Forschung zur vokalen Kommunikation bei nicht-menschlichen Primaten und beim Menschen weitertragen. 

Wir werden ihn als außergewöhnlich präzisen Wissenschaftler, als unabhängigen Geist, als Kollegen mit feinem Humor – und als eine Persönlichkeit mit unverwechselbarem Stil – in Erinnerung behalten. Unser Mitgefühl gilt seiner Frau, seiner Tochter mit ihrer Familie sowie allen, die ihm nahestanden.

Julia Fischer
Steffen Hage
Kristina Simonyan