Zum Hauptbereich springen Zur Fußzeile der Seite springen
Social Neurobiology

Wie soziale Signale unsere Informationsverarbeitung beeinflussen

Wir freuen uns, die kognitive Neurowissenschaftlerin Sagarika Jaiswal als neue Humboldt-Postdoktorandin der Alexander-von-Humboldt-Stiftung willkommen zu heißen. Während ihres zweijährigen Aufenthalts wird sie in der Nachwuchsgruppe Soziale Neurobiologie tätig sein und untersuchen, wie soziale und emotionale Signale die menschliche Informationsverarbeitung beeinflussen.

Am Beginn ihrer wissenschaftlichen Laufbahn arbeitete Jaiswal auf molekularer Ebene und untersuchte für ihre Masterarbeit Biomarker für Schlafentzug bei Zebrafischen. „Dadurch wuchs mein Interesse daran, die neuronalen Grundlagen des Verhaltens zu verstehen, insbesondere beim Menschen“, erklärt sie. In der Anfangsphase ihrer Promotion am Indian Institute of Science (IISc) wandte sie sich zunächst der menschlichen Motorik zu und untersuchte, wie das Gehirn die für das Schreiben notwendigen feinmotorischen Bewegungen erzeugt. Im Labor von Srikanth Padmala am IISc verlagerte sie ihren Fokus dann auf die Untersuchung von Faktoren, die unser Alltagsverhalten beeinflussen – Belohnung und Emotion –, und zwar unter Verwendung von Bildgebungstechniken. Dies weckte ihre Faszination für die neuronalen und kognitiven Prozesse, die widersprüchliche emotionale Signale integrieren.

Belastende Arbeit, aber guter Lohn?

Diese Begeisterung führte sie zu einer neuen Forschungsfrage: Wie geht das Gehirn mit gegensätzlichen Signalen um – wie zum Beispiel einem negativen visuellen Reiz, der zu einer finanziellen Belohnung führt? Oder, um es einfacher auszudrücken: Wie reagieren wir, wenn wir beispielsweise einen Job unter besonders unangenehmen Bedingungen ausüben müssen, der aber sehr gut bezahlt wird? „Im Alltag treten negative emotionale Ereignisse oft neben lohnenden Gelegenheiten auf“, erklärt Jaiswal. „Mein Ziel war es, zu verstehen, wie das Gehirn solche widersprüchlichen Informationen verarbeitet, wobei der mit emotionalen Ereignissen verbundene Wert mit dem von finanziellen Anreizen integriert wird und somit die Motivation und das Erleben beeinflusst“.

Von Tierkollektiven zum Sozialverhalten des Menschen

In der Endphase ihrer Promotion kristallisierte sich ein neues Forschungsinteresse heraus: die soziale Kognition. Durch die Zusammenarbeit mit Raymundo Baez Mendoza, Leiter der Nachwuchsgruppe Soziale Neurobiologie am DPZ, kann sie nun ihre Erfahrungen im Bereich des belohnungsgesteuerten Verhaltens mit seinem Fachwissen über soziale Interaktion verbinden. Insbesondere möchte sie untersuchen, wie soziale Faktoren die Bewertung von Informationen durch den Menschen beeinflussen und wie diese Informationen zwischen Individuen ausgetauscht werden. 

Diese Forschungsfragen wurden durch Beobachtungen in freier Wildbahn inspiriert. Von der Schwarmbildung bei Staren und sozialem Schwimmverhalten bei Fischen bis hin zum synchronisierten Blinken bei Glühwürmchen. „Elegantes Sozialverhalten, das zum Wohle der gesamten Gruppe fein abgestimmt ist, existiert im gesamten Tierreich. Doch wir Menschen neigen dazu, zu tratschen, Fehlinformationen zu verbreiten oder sogar zu lügen. Warum ist das so?“, erklärt Jaiswal ihr Forschungsinteresse.

Erwartung vs. Ergebnis – unterschiedliche Prozesse, unterschiedliche Störungen, unterschiedliche Lösungen

Grundlegende Erkenntnisse über die Mechanismen sozial und emotional modulierten, belohnungsorientierten Verhaltens ist entscheidend für die Entwicklung künftiger personalisierter Therapien. Zwei unterschiedliche psychologische Kontexte gewinnen dabei besondere Bedeutung: die Erwartung einer Belohnung und das tatsächliche Ergebnis. Während die Erwartung vorbereitender Natur ist, stellt das Ergebnis die eigentliche Erfahrungsphase der Belohnungsverarbeitung dar. Und während beide immer Hand in Hand gehen, beruhen sie auf teilweise unterschiedlichen kognitiven und neuronalen Mechanismen. Darüber hinaus können diese Mechanismen auch isoliert beeinträchtigt sein, ohne den jeweils anderen zu beeinflussen.

Die bipolare Störung beispielsweise beeinträchtigt die Belohnungserwartung, während das Belohnungserleben weitgehend intakt bleibt; bei bestimmten Formen der Depression ist es jedoch umgekehrt. „Ein besseres Verständnis des menschlichen Sozialverhaltens und der zugrunde liegenden Gehirnmechanismen könnten letztendlich zu besseren Therapien bei neurologischen Entwicklungsstörungen und zu fundierteren Maßnahmen im Bereich der Sozialpolitik führen“, schlussfolgert Jaiswal.

Ihr 24-monatiges Humboldt-Stipendium umfasst Studien zur menschlichen Informationsverarbeitung mit Schwerpunkt auf emotionalen, sozialen und belohnungsgesteuerten Verhaltensfaktoren. Eine Zusammenarbeit mit Anne Schacht, Professorin für Kognition, Emotion und Verhalten an der Universität Göttingen, ist bereits geplant. Wir freuen uns auf die neuen Erkenntnisse zur menschlichen Informationsverarbeitung, die Sagarika Jaiswals Arbeit nach Göttingen, an das DPZ und in die weltweite Forschungslandschaft bringen wird.