
Versuchstierzahlen in Deutschland
Ein oft missverstandener Aspekt in der öffentlichen Diskussion über Tierversuche in der Forschung sind die jährlichen, offiziellen Versuchstierzahlen. Sämtliche Versuche, für die in Deutschland Wirbeltiere eingesetzt werden, müssen genehmigt und die Zahl der Tiere muss der zuständigen Landesbehörde gemeldet werden. Die Behörden übermittelten die Zahlen bis 2020 dem Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL), das einmal im Jahr schließlich über die Gesamtzahlen informierte. Seit 2021 melden die zuständigen Behörden gem. § 1 Absatz 2 Versuchstiermeldeverordnung die Zahlen zu den verwendeten Versuchstieren dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Die jüngsten Zahlen stammen aus dem Jahr 2024 und wurden am 9. Dezember 2025 veröffentlicht. Die gesamte Versuchstierstatistik wird ab dem Jahr 2021 vom Deutschen Zentrum zum Schutz von Versuchstieren (Bf3R) veröffentlicht, das Teil des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) ist. Grundlage ist die im Mai 2021 geänderte Versuchstiermeldeverordnung. Ausführliche Informationen zu den Versuchstierzahlen 2024 finden Sie beim BfR.
In den vergangenen Jahren haben sich Medien und Tierversuchskritiker in der Regel darauf beschränkt, auf die als hoch empfundene Gesamtzahl hinzuweisen. Allerdings erfasst das Bundesinstitut Eingriffe von sehr unterschiedlicher Art und erst ein Blick aufs Detail ermöglicht es, die Versuchstierzahlen für Deutschland wirklich zu verstehen. Außerdem hilft der Vergleich der Versuchstierzahlen mit anderen Bereichen der Tiernutzung in Deutschland (zum Beispiel Lebensmittelproduktion), um zu verstehen, in welchem Verhältnis Tierversuche zur Gesamtheit dieser Tiernutzung stehen. Im Folgenden finden Sie Antworten auf diese Fragen:
- Wieso gibt es den permanenten Anstieg der Versuchstierzahlen nicht, von dem oft berichtet wird?
- Warum stellen nicht-menschliche Primaten nur ein Tausendstel aller Versuchstiere?
- Wieviele nicht-menschliche Primaten setzen Forscher am Deutschen Primatenzentrum für ihre Forschung ein?
- Wieviele Tiere werden in Deutschland außer in der Forschung genutzt und in welchen Bereichen?
Versuchstierzahlen
Kein permanenter Anstieg
Sämtliche Versuche, für die in Deutschland Wirbeltiere eingesetzt werden, müssen genehmigt und die Zahl der Tiere muss der zuständigen Landesbehörde gemeldet werden. Diese Zahl macht allerdings nur einen Teil der jährlich in Deutschland als "Versuchstierzahlen" bezeichneten Tiermeldungen aus. Zu Tierversuchen im wissenschaftlichen Sinne kommen Eingriffe hinzu, die zur Herstellung von Produkten, Stoffen oder Organismen vorgenommen werden, zu Ausbildungszwecken oder die Entnahme von Gewebe oder Organen zur Verwendung in Alternativmethoden.
Eine Statistik über die Jahre 2000 bis 2024 zeigt, dass die Zahlen der in Deutschland eingesetzten Versuchstiere nur geringen Schwankungen unterliegen (Abbildung 1). In den vergangenen zehn Jahren wurden so jährlich zwischen 2 bis 3 Millionen Tiere eingesetzt. Im Jahr 2024 wurden 1.954.469 Tiere für wissenschaftliche Zwecke verwendet. In diese Zählung eingeschlossen sind 1.327.931 Tiere, die in Tierversuchen verwendet wurden, und 626.538 Tiere, die ohne Versuchseingriffe für wissenschaftliche Zwecke getötet wurden, also zum Beispiel zur Gewinnung von Zellen für Zellkulturen genutzt wurden.
Außerdem enthält die Statistik für 2024 auch Angaben über Tiere, die gezüchtet und getötet, aber nicht für wissenschaftliche Zwecke verwendet wurden. Dies waren weitere 1.109.100 Tiere. Bei Züchtungen für Tierversuche entstehen unvermeidbar Tiere, die nicht für die betreffenden Tierversuche geeignet sind. Zum Beispiel prägen bei Züchtungen nicht alle Tiere die gewünschten genetischen Merkmale aus („Mendelsche Regeln“). Solche biologischen Gesetzmäßigkeiten lassen sich nicht außer Kraft setzen und auch bei sorgfältiger Planung werden daher unausweichlich Tiere geboren, die durch die Zucht nicht alle gewünschten Eigenschaften tragen. Wissenschaftler*innen müssen folglich mehr Tiere züchten, als sie letztlich für die Tierversuchsstudien brauchen. Andere, nicht kontrollierbare Faktoren wie zum Beispiel die Wurfgröße, spielen ebenfalls eine Rolle.
Aufgrund der Anpassung des deutschen Tierschutzgesetzes an die EU-Direktive zum Schutz der für wissenschaftliche Zwecke verwendeten Tiere hat sich die Zählweise der Versuchstiere 2014 verändert. So wurden bis einschließlich 2013 diejenigen Tiere erfasst, mit denen ein Versuch begonnen wurde, während die Tiere seit 2014 erst dann gemeldet werden, wenn der Versuch abgeschlossen ist. Dies führt dazu, dass einige Tiere in der Übergangszeit doppelt und sogar dreifach gezählt werden. Auch hat sich die Zählung der sogenannten transgenen Tiere geändert. So werden Zuchttiere nun teilweise mitgezählt. Das schlägt sich in einer höheren Versuchstierzahl nieder, ohne dass wirklich mehr Tiere zu Tierversuchen herangezogen wurden. Ein weiterer Unterschied betrifft die nicht-invasiven Untersuchungen, also zum Beispiel Verhaltensstudien. Diese werden nun in einigen Bundesländern mitgezählt, in anderen nicht.
Unter allen gezählten Versuchen sind auch solche, die sehr wenig belastend sind: Muss beispielsweise einem Rhesusaffen am DPZ Blut abgenommen werden, ist das meldepflichtig. Dabei sind die Tiere schmerzbetäubt und nehmen keinen dauerhaften Schaden.
Der Anteil aller Tierversuche, die der Grundlagenforschung zugerechnet werden, betrug 2024 758.244 (57 Prozent). Mäuse, Ratten und Fische sind mit einem Anteil von 94 Prozent weiterhin die mit Abstand am häufigsten eingesetzten Versuchstiere. Im Jahr 2024 wurden insgesamt 1.088 Affen und Halbaffen im Versuch gemeldet und damit 35 Prozent weniger als 2023 (1.676 Tiere im Versuch). Bei Affen und Halbaffen ist zudem der Anteil an erneut verwendeten Tieren im Vergleich zu anderen Tierarten sehr hoch (rund 19 % erneute Verwendung im Vergleich zu beispielsweise ca. 2 % bei Mäusen und rund 4 % bei Ratten). Die Anzahl der im Jahr 2024 erstmals erfassten Affen und Halbaffen ist daher mit 876 Tieren geringer als die Anzahl der gemeldeten Tiere im Versuch (1.088). Primaten werden zum großen Teil für gesetzlich vorgeschriebene Sicherheitsprüfungen von potentiellen Medikamenten und anderen Substanzen eingesetzt. Bei Kaninchen ist der Anteil (3 Prozent) im Vergleich zum Jahr 2023 unverändert. Der Anteil an Vögeln (Haushühner und andere Vogelarten) liegt mit rund 1 Prozent der eingesetzten Versuchstiere weiterhin auf einem niedrigen Niveau.
Der moderate Rückgang der Versuchstierzahlen bei einer weiterhin wachsenden biomedizinischen Forschung lässt erkennen, dass die biomedizinische Forschung immer sparsamer mit Versuchstieren umgeht. Sie leistet ihren Beitrag zu einem stetig wachsenden Forschungsfeld mit einem sinkenden Anteil an Versuchstieren. So steigen etwa allein die Ausgaben des Bundes für die Gesundheitsforschung seit dem Jahr 2010 jedes Jahr um durchschnittlich rund 6 Prozent. Die Pandemie hat nochmals zu einem drastischen Zuwachs bei den Forschungsausgaben des Bundes für die Gesundheitsforschung geführt, nach einem kontinuierlichen Anstieg in den Jahren davor. So stiegen die Ausgaben in 2020 um 33 Prozent auf rund 3,6 Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr.
In 2021 erhöhten sich die Ausgaben nochmals auf 3,74 Milliarden Euro. Während die Versuchstierzahlen in den vergangenen Jahren stetig gesunken sind, steigt die Förderung biomedizinischer Forschung weiter erheblich an. So erhöhte die Bundesregierung die Ausgaben im Bereich Gesundheitsforschung in den vergangenen zehn Jahren von 1,96 Milliarden Euro im Jahr 2014 auf nun 3,18 Milliarden Euro – ein Plus von 63 Prozent. Die Versuchstierzahlen hingegen zeigten keinen Zuwachs. (Bundesbericht Forschung und Innovation 2024). Ein Grund dafür ist das international anerkannte 3R-Prinzip zur Reduktion der Versuche auf ein notwendiges Minimum. Dieser ethische Grundsatz wird in der Wissenschaft täglich gelebt, was sich auch in den stabilen Versuchstierzahlen bei wachsendem Forschungsumfang niederschlägt (Abbildung 3). Trotz steigender Forschungsinvestitionen und wachsendem wissenschaftlichem Output nimmt die Zahl der Versuchstiere seit Jahren ab. Die Reduktion ist nun seit fünf Jahren so deutlich, dass sie nicht nur im Verhältnis zum Forschungswachstum, sondern auch absolut an den sinkenden Tierzahlen klar erkennbar ist.
Nicht-menschliche Primaten
Nur ein Tausendstel aller Versuchstiere
Nicht-menschliche Primaten stellen rund ein Tausendstel aller Versuchstiere in Deutschland (im Jahr 2024 waren es insgesamt 1.146 Tiere). Sie werden nur in Versuchen von großer wissenschaftlicher Bedeutung eingesetzt und wenn es weder eine Alternativmethode noch die Möglichkeit gibt, den Versuch mit einer geringer entwickelten Tierart durchzuführen.
Nicht-menschliche Primaten werden wie andere Versuchstiere auch eingesetzt, um schwere Krankheiten zu erforschen, für die medizinische Produktentwicklung oder um die Sicherheit von Medikamenten, Inhaltsstoffen oder medizinischen Produkten zu testen.
Auf biologische Grundlagenforschung, wie sie die Wissenschaftler am Deutschen Primatenzentrum betreiben, entfielen 2024 davon nur gut 3 Prozent (38 Tiere, siehe Abbildung 4). 80 Prozent dieser in Deutschland verwendeten nicht-menschlichen Primaten (870) hingegen kamen zum Einsatz, weil der Gesetzgeber es zwingend vorschreibt: Sie dienen der Giftigkeits- oder anderen Sicherheitsprüfung von Produkten, die Menschen verwenden. Solche Tests sind nicht Teil der Forschung des Deutschen Primatenzentrums. Rund 17 Prozent der Affen (180) wurden 2024 in der translationalen und angewandten Forschung eingesetzt.
Versuchstierzahlen am DPZ
Die Zahlen der nicht-menschlichen Primaten (sowohl Altwelt- als auch Neuweltaffen), die am Deutschen Primatenzentrum pro Jahr für die biologische Grundlagenforschung eingesetzt werden, variieren und sind abhängig von den jeweiligen Projekten und wissenschaftlichen Fragestellungen. In der Regel bewegten sich die Zahlen in den vergangenen Jahren in der Größenordnung um 100 bis 250 Tiere. Sehr unterschiedliche Forschungsprojekte, die sich aus dem breitem Themenspektrum des Instituts ergeben, machen diese notwendig. Es handelte sich dabei zuletzt zum Beispiel um Projekte aus der Infektionsforschung (zum Beispiel HIV-Impfstoffe) als auch aus der Neurowissenschaft (Entwicklung von Neuroprothesen).
Versuchstierzahlen verglichen mit Zahlen anderer Tiernutzung
Stellt man den etwa 2 Millionen wissenschaftlichen Eingriffen an Wirbeltieren die jährliche Fleischproduktion in Deutschland oder die bei der Jagd getöteten Tiere gegenüber (siehe Abbildung 5), so relativieren sich die Zahlen schnell.
Laut Statistischem Bundesamt (Destatis) wurden im Jahr 2024 in Deutschland mehr als 51 Millionen Schweine, Rinder, Schafe, Pferde und Ziegen und fast 700 Millionen Geflügeltiere geschlachtet. Im Laufe eines Lebens isst jede(r) Deutsche im Durchschnitt mehr als 700 Hühnchen, es werden für ihn aber nur zwei Mäuse für biomedizinische Forschung verwendet. Rein statistisch würden bei stabilen Versuchszahlen für jeden Deutschen im Laufe seines Lebens übrigens 0,0017 nicht-menschliche Primaten in Versuchen eingesetzt.
Sogar im alltäglichen Straßenverkehr tötet jeder Deutsche statistisch betrachtet deutlich mehr Tiere, als nicht-humane Primaten für die tierexperimentelle Forschung eingesetzt werden: Allein die offiziellen Wildunfälle mit Wildschweinen, Rehen oder Hirschen, die der Deutsche Jagdverband zusammengetragen hat, belaufen sich für die Saison 2023/2024 auf fast 230.000 Tiere - die geschätzte Dunkelziffer ist etwa fünfmal so hoch. Schließlich melden längst nicht alle Unfallfahrer einen Tierunfall. Unfälle mit so kleinen Tieren wie Kaninchen, Nagetieren und Vögeln werden außerdem nicht einmal geschätzt.