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Versuchstierzahlen in Deutschland

Ein oft missverstandener Aspekt in der öffentlichen Diskussion über Tierversuche in der Forschung sind die offiziellen Versuchstierzahlen des Bundeslandwirtschaftsministeriums (BMEL). Sämtliche Versuche, für die in Deutschland Wirbeltiere eingesetzt werden, müssen genehmigt und die Zahl der Tiere muss der zuständigen Landesbehörde gemeldet werden. Einmal im Jahr veröffentlicht das Ministerium die Gesamtzahlen. Die jüngsten stammen aus dem Jahr 2016 und wurden am 29. Dezember 2017 veröffentlicht.

In den vergangenen Jahren haben sich Medien und Tierversuchskritiker in der Regel darauf beschränkt, auf die als hoch empfundene Gesamtzahl hinzuweisen. Allerdings erfasst das Ministerium Eingriffe von sehr unterschiedlicher Art und erst ein Blick aufs Detail ermöglicht es, die Versuchstierzahlen für Deutschland wirklich zu verstehen. Außerdem hilft der Vergleich der Versuchstierzahlen mit anderen Bereichen der Tiernutzung in Deutschland (zum Beispiel Lebensmittelproduktion), um zu verstehen, in welchem Verhältnis Tierversuche zur Gesamtheit dieser Tiernutzung stehen. Im Folgenden finden Sie Antworten auf diese Fragen:

Tierversuchszahlen - kein permanenter Anstieg

Das Foto zeigt Rhesusaffen.
Altweltaffen wie diese Rhesusmakaken (Macaca mulatta) werden am DPZ unter anderem für die HIV-Forschung und die Neurowissenschaften eingesetzt. Foto: Anton Säckl

Sämtliche Versuche, für die in Deutschland Wirbeltiere eingesetzt werden, müssen genehmigt und die Zahl der Tiere muss der zuständigen Landesbehörde gemeldet werden. Diese Zahl macht allerdings nur einen Teil der jährlich in Deutschland als "Versuchstierzahlen" bezeichneten Tiermeldungen aus. Zu Tierversuchen im wissenschaftlichen Sinne kommen Eingriffe hinzu, die zur Herstellung von Produkten, Stoffen oder Organismen vorgenommen werden, zu Ausbildungszwecken oder die Entnahme von Gewebe oder Organen zur Verwendung in Alternativmethoden.

Eine Statistik über die Jahre 2009 bis 2016 zeigt, dass die Zahlen der in Deutschland eingesetzten Versuchstiere nur geringen Schwankungen unterliegen (Abbildung 1). In den vergangenen acht Jahren wurden so jährlich zwischen 2,7 bis 3 Millionen Tiere eingesetzt. Im Jahr 2016 wurden 2.854.586 Tiere für wissenschaftliche Zwecke verwendet. In diese Zählung eingeschlossen sind 2.189.261 Tiere, die in Tierversuchen verwendet wurden, und 665.325 Tiere, die ohne Versuchseingriffe für wissenschaftliche Zwecke getötet wurden, also zum Beispiel zur Gewinnung von Zellen für Zellkulturen genutzt wurden. Der Anteil aller Tierversuche, die der Grundlagenforschung zugerechnet werden, betrug 2016 1.175.664 (41 %). Mäuse, Ratten und Fische sind mit einem Anteil von 92 Prozent weiterhin die mit Abstand am häufigsten eingesetzten Versuchstiere. Mit einer Gesamtzahl von 2.462 ist die Verwendung nicht-humaner Primaten 2016 im Vergleich zum Vorjahr (3.141) um fast ein Viertel gesunken (-22 %). Weiter rückläufig ist auch der Anteil von Hunden und Katzen, während sich die Zahl der Fische von ca. 202.000 in 2015 auf ca. 311.000 deutlich erhöht hat (Abbildung 2).

Abbildung 1: Vergleich der Versuchstierzahlen von 2009 bis 2016 insgesamt. Quelle: Versuchstierzahlen 2009-2016, BMEL. Grafik: Deutsches Primatenzentrum / Sylvia Siersleben
Abbildung 1: Vergleich der Versuchstierzahlen von 2009 bis 2016 insgesamt. Quelle: Versuchstierzahlen 2009-2016, BMEL. Grafik: Deutsches Primatenzentrum / Sylvia Siersleben

Aufgrund der Anpassung des deutschen Tierschutzgesetzes an die EU-Direktive zum Schutz der für wissenschaftliche Zwecke verwendeten Tiere hat sich die Zählweise der Versuchstiere 2014 verändert. So wurden bis einschließlich 2013 diejenigen Tiere erfasst, mit denen ein Versuch begonnen wurde, während die Tiere seit 2014 erst dann gemeldet werden, wenn der Versuch abgeschlossen ist. Dies führt dazu, dass einige Tiere in der Übergangszeit doppelt und sogar dreifach gezählt werden. Auch hat sich die Zählung der sogenannten transgenen Tiere geändert. So werden Zuchttiere nun teilweise mitgezählt. Das schlägt sich in einer höheren Versuchstierzahl nieder, ohne dass wirklich mehr Tiere zu Tierversuchen herangezogen wurden. Ein weiterer Unterschied betrifft die nicht-invasiven Untersuchungen, also zum Beispiel Verhaltensstudien. Diese werden nun in einigen Bundesländern mitgezählt, in anderen nicht.

Unter allen gezählten Versuchen sind auch solche, die sehr wenig belastend sind: Muss beispielsweise einem Rhesusaffen am DPZ Blut abgenommen werden, ist das meldepflichtig. Dabei sind die Tiere schmerzbetäubt und nehmen keinen dauerhaften Schaden.

Wenn die Versuchstierzahlen in den vergangenen Jahren gestiegen sind, hat das vor allem einen Grund gehabt: Die Zahl der transgenen Tiere in Versuchen steigt überproportional schnell an. Auch 2016 geht der Trend vor allem bei den Nagetieren zum Einsatz von genetisch veränderten Tieren; der Anteil verschob sich von 39 Prozent (2015) auf 42 Prozent im Jahr 2016. Genetisch veränderte Mäuse (86 Prozent) und Fische (13 Prozent) machen einen großen Teil der Versuchstiere aus. Mit Hilfe von transgenen Tieren können Forscher gezielter wissenschaftlichen Fragestellungen nachgehen. Zum Beispiel wird untersucht, ob einzelne Gene an der Entstehung von Krankheiten beteiligt sind. Die übrigen Versuchstierzahlen bleiben seit Jahren mehr oder weniger konstant. Auch bei den nicht-menschlichen Primaten bleiben die Zahlen mit rund 2.000 bis 2.500 Tieren pro Jahr sehr ähnlich.

Abbildung 2: Anteil der unterschiedlichen Tiergruppen an den Versuchstieren im Jahr 2016. Grafik: Tierversuche verstehen
Abbildung 2: Anteil der unterschiedlichen Tiergruppen an den Versuchstieren im Jahr 2016. Grafik: Tierversuche verstehen

Nicht-menschliche Primaten - nur ein Tausendstel aller Versuchstiere

Nicht-menschliche Primaten stellen weniger als ein Tausendstel aller Versuchstiere in Deutschland (im Jahr 2016 waren es insgesamt 2.462). Sie werden nur in Versuchen von großer wissenschaftlicher Bedeutung eingesetzt und wenn es weder eine Alternativmethode noch die Möglichkeit gibt, den Versuch mit einer geringer entwickelten Tierart durchzuführen.

Nicht-menschliche Primaten werden wie andere Versuchstiere auch eingesetzt, um schwere Krankheiten zu erforschen, für die medizinische Produktentwicklung oder um die Sicherheit von Medikamenten, Inhaltsstoffen oder medizinischen Produkten zu testen.

Auf biologische Grundlagenforschung, wie sie die Wissenschaftler am Deutschen Primatenzentrum betreiben, entfielen 2016 davon nur 12,8 Prozent (309 Versuche, siehe Abbildung 3). 74 Prozent dieser in Deutschland verwendeten nicht-menschlichen Primaten (1.789) hingegen kamen zum Einsatz, weil der Gesetzgeber es zwingend vorschreibt: Sie dienen der Giftigkeits- oder anderen Sicherheitsprüfung von Produkten, die Menschen verwenden. Solche Tests sind nicht Teil der Forschung des Deutschen Primatenzentrums.

Abbildung 3: Tierversuche mit nicht-menschlichen Primaten aufgeteilt nach Zwecken. Quelle: Tierversuchszahlen 2016, BMEL. Grafik: Deutsches Primatenzentrum, Sylvia Siersleben
Abbildung 3: Tierversuche mit nicht-menschlichen Primaten aufgeteilt nach Zwecken. Quelle: Tierversuchszahlen 2016, BMEL. Grafik: Deutsches Primatenzentrum, Sylvia Siersleben

Versuchstierzahlen am DPZ

Das Foto zeigt einen Weißbüschelaffen
Neuweltaffen wie dieser Weißbüschelaffe (Callithrix jacchus) werden am DPZ unter anderem für die Stammzellforschung und die Infektionsforschung gezüchtet. Foto: Anton Säckl

Die Zahlen der nicht-menschlichen Primaten (sowohl Altwelt- als auch Neuweltaffen), die am Deutschen Primatenzentrum pro Jahr für die biologische Grundlagenforschung eingesetzt werden, variieren. In der Regel bewegten sich die Zahlen in den vergangenen Jahren in der Größenordnung um 100 Tiere. Sehr unterschiedliche Forschungsprojekte, die sich aus dem breitem Themenspektrum des Instituts ergeben, machen diese notwendig. Es handelte sich dabei zuletzt zum Beispiel um Projekte aus der Infektionsforschung (zum Beispiel HIV-Impfstoffe) als auch aus der Neurowissenschaft (Entwicklung von Neuroprothesen).

Tierversuchszahlen verglichen mit Zahlen anderer Tiernutzung

Stellt man den etwa 2,85 Millionen wissenschaftlichen Eingriffen an Wirbeltieren die jährliche Fleischproduktion in Deutschland, die bei der Jagd getöteten Tiere gegenüber (siehe Abbildung 4), so relativieren sich die Zahlen schnell.

Abbildung 4: Tiernutzung in verschiedenen Bereichen in Deutschland 2016. Quellen: BMEL, Deutscher Jagdverband, Eurostat, Statistisches Bundesamt. Abbildung: Deutsches Primatenzentrum / Sylvia Siersleben
Abbildung 4: Tiernutzung in verschiedenen Bereichen in Deutschland 2016. Quellen: BMEL, Deutscher Jagdverband, Eurostat, Statistisches Bundesamt. Abbildung: Deutsches Primatenzentrum / Sylvia Siersleben

Laut Statistischem Bundesamt (Destatis) wurden im Jahr 2016 in Deutschland mehr als 59 Millionen Schweine, Rinder, Schafe etc. und fast 700 Millionen Geflügeltiere geschlachtet. Im Laufe eines Lebens isst jeder Deutschen im Durchschnitt mehr als 700 Hühnchen, es werden für ihn aber nur zwei Mäuse für biomedizinische Forschung verwendet. Rein statistisch würden bei stabilen Versuchszahlen für jeden Deutschen im Laufe seines Lebens übrigens 0,0017 nicht-menschliche Primaten in Versuchen eingesetzt.

Sogar im alltäglichen Straßenverkehr tötet jeder Deutsche statistisch betrachtet deutlich mehr Tiere, als nicht-humane Primaten für die tierexperimentelle Forschung eingesetzt werden: Allein die offiziellen Wildunfälle mit Wildschweinen, Rehen oder Hirschen, die der Deutsche Jagdverband zusammengetragen hat, belaufen sich für die Saison 2015/2016 auf über 228.000 Tiere - die geschätzte Dunkelziffer liegt mit 1 Million Tiere aber viel höher. Schließlich melden längst nicht alle Unfallfahrer einen Tierunfall. Unfälle mit so kleinen Tieren wie Kaninchen, Nagetieren und Vögeln werden außerdem nicht einmal geschätzt.

 

Quellen der Zahlen:

Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMEL)

Statistisches Bundesamt (Destatis)

Deutscher Jagdverband (ehemals Jagdschutzverband)

Statistisches Amt der Europäischen Union (Eurostat)

Das Foto zeigt ein Logo

Aktuelle Informationen zum Thema Tierversuchszahlen des Max-Delbrück-Zentrums für molekulare Medizin in Berlin.

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